Sevinc Dettmeyer lebt mit ihrer Familie im Sauerland. Seit 2018 findet sie auf der Leinwand einen kreativen Ausdruck, der ihren Alltag ergänzt und bereichert. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist sie als Erzieherin in der stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig. Erfahre nun mehr über Sevinc in diesem exklusiven Interview.

Liebe Sevinc. Wie hast du zur Kunst gefunden?

Zur Malerei bin ich 2018 eher zufällig gekommen, als mir meine ehemalige Nachbarin eine Leinwand schenkte. Ohne große Erwartungen bemalte ich sie intuitiv und hängte die entstandenen Arbeiten in unserer Wohnung auf. Meine Nachbarin, die selbst Kunstliebhaberin ist, bestärkte mich und ermutigte mich, weiterzumalen.

Schon meine ersten Werke waren abstrakt und geprägt von der Arbeit mit Strukturpaste. Zunächst entstanden nur wenige Bilder.

2020 kaufte ich ganz spontan neue Leinwände und begann, mich intensiver mit der Malerei zu beschäftigen. Angetrieben wurde dieser Schritt von dem Wunsch nach kreativem Ausdruck und aus reiner Freude am Schaffen. Die Leinwand wurde für mich zu einem Ort des Ankommens – ein Raum, in dem ich loslassen und ganz bei mir sein kann. Ich experimentiere mit verschiedenen Materialien und liebe sowohl den Prozess als auch das fertige Werk.

Ich hatte eine Phase, in der ich kaum malte. Dann kam eine schwere Depression, und die Malerei wurde wieder wichtig für mich. Sie hat mir geholfen, mich zu sammeln und wieder konzentriert zu arbeiten. Bis vor kurzem hatte ich noch starke Konzentrationsprobleme, durch das Malen sind sie verschwunden.

Ich kann den Spruch „Art is my therapie“ gut nachvollziehen, denn die Malerei hat mir wirklich geholfen.

„Warme Balance“
„Warme Balance“
120x100 cm
© Sevinc Dettmeyer
„Black ground“
„Black ground“
80x60 cm
© Sevinc Dettmeyer

Wie gehst du an ein neues Werk heran? Wo findest du deine Inspiration?

Ich gehe nicht immer ohne Plan an ein neues Werk heran, aber ich starte auch nicht immer mit einer festen Idee. Manchmal habe ich Farben im Kopf und überlege vorher, welche Stimmung ich mit dem Bild transportieren möchte. Dann beginne ich bewusst mit dieser inneren Richtung.

In anderen Fällen beginne ich ohne festes Konzept und entwickle das Bild schrittweise während des Malens. Meistens braucht es nur einen Impuls – eine Farbe, eine Bewegung oder einfach das Verlangen, sich auszudrücken – und schon starte ich. Ich arbeite intuitiv, schichte Farben und Strukturen und lasse das Bild Schritt für Schritt entstehen.

Ich lasse mich von allem inspirieren, was ich sehe und erlebe. Besonders wichtig sind für mich Natur und Landschaften, aber auch Alltagssituationen und das Licht am Himmel. Auf Spaziergängen im Wald mit meinem Hund nehme ich viele Eindrücke mit, die später in meine Bilder einfließen. Oft ist es weniger eine konkrete Idee, sondern eher eine Stimmung oder ein Gefühl, das ich dann in Farben und Formen umsetze. Auch die Arbeiten anderer Künstler:innen geben mir immer wieder neue Impulse.

Deine Werke sind eher zurückhaltend in der Farbgebung. Hast du bestimmte Lieblingsfarben, die du gern benutzt?

Ja, es gibt Farben, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Besonders Blau und Grün gehören zu meinen Favoriten, weil sie für mich eine ruhige, aber zugleich lebendige Stimmung erzeugen. Blau erinnert mich an Weite und Stille, Grün an Natur und Balance. Beides passt sehr gut zu dem, was ich ausdrücken möchte.

Gold setze ich bewusst ein, mal dezent, mal etwas stärker. Ich liebe Gold, weil es sich je nach Licht und Blick verändert und dadurch immer wieder neu wirkt. Je nachdem, wie das Licht auf die Oberfläche fällt, kann Gold warm und weich erscheinen oder klar und glänzend. Manchmal wirkt es wie ein sanftes Flimmern, manchmal wie ein leuchtender Akzent. Diese Veränderlichkeit fasziniert mich, weil sie dem Bild eine lebendige Dynamik gibt, ohne dass es laut wird. Gold verbindet die anderen Farben, schafft Tiefe und verleiht dem Werk eine besondere, fast magische Note.

So entsteht eine ruhige Farbpalette, in der Gold je nach Bild mal zarter und mal deutlicher erscheint, aber immer als ein Element, das sich mit dem Licht verändert und dem Bild eine zusätzliche Dimension gibt.

“Ewige Tiefe”
“Ewige Tiefe”
80x60 cm
© Sevinc Dettmeyer
"Slow Field"
Slow Field
80x60 cm
© Sevinc Dettmeyer

Welches Format bevorzugst du und warum?

Ich arbeite gerne im Quer- und Hochformat und bevorzuge Leinwände ab einer Größe von 80 cm. Kleinere Formate sprechen mich weniger an, weil sie mir weniger Raum lassen, meine Bildideen auszuarbeiten. Ich brauche Platz, damit Farben und Strukturen sich entfalten können und die Komposition ruhig und ausgewogen wirkt. Auf größeren Leinwänden kann ich mit Flächen, Übergängen und Details arbeiten, ohne dass das Bild schnell beengt wirkt. Das passt besser zu meinem Ausdruck und meiner Arbeitsweise.

Du mischt deine Spachtelmassen selbst an. Erzähle uns bitte mehr zu diesem spannenden Thema. 

Meine Strukturpaste stelle ich selbst her, indem ich verschiedene Grundstoffe miteinander mische. Die Basis bilden meist Steinmehle, die ich mit Acrylfarben, PVA Leim und etwas Sand kombiniere. Je nach gewünschter Struktur und Wirkung füge ich zusätzlich unterschiedliche Materialien hinzu, zum Beispiel Kaffee oder andere Zusätze. Je nachdem, wie fest die Masse werden soll, mische ich manchmal auch Gips hinzu. Dadurch entsteht eine Paste, die in jeder Mischung etwas anders ist und eine eigene Oberflächenqualität bekommt.

Was mir daran besonders gefällt, ist, dass ich die Struktur ganz bewusst beeinflussen kann. Durch das Kombinieren verschiedener Materialien entstehen Flächen, die eine lebendige Oberfläche und eine spürbare Haptik bekommen. Wenn die Masse getrocknet ist, kann ich sie weiter formen, zusätzliche Schichten auftragen oder sie abschleifen. So entsteht eine vielschichtige Oberfläche, die immer wieder neue Details zeigt und das Bild spannend macht. Ich mische die Paste frei nach Gefühl, so dass jede Mischung einzigartig ist und zum jeweiligen Bild passt. Am liebsten trage ich die Paste mit den Händen auf. Das gibt mir ein direktes Gefühl für das Material und die Oberfläche, und ich kann die Struktur ganz bewusst formen.

Zwischendurch sieht mein Arbeitsplatz dann ziemlich chaotisch aus – aber das gehört für mich zum kreativen Prozess dazu.

Bei der kreativen Arbeit
Bei der kreativen Arbeit
© Sevinc Dettmeyer
Detailaufnahme
Detailaufnahme
© Sevinc Dettmeyer

Fertigst du auch Auftragsarbeiten an und hast du hier vielleicht eine besondere Geschichte zu der Entstehung eines Werkes in der Vergangenheit zu erzählen?

Ja, ich fertige Auftragsarbeiten an, auch wenn sie für mich eine besondere Herausforderung darstellen. Im Gegensatz zu freien Arbeiten setzen sie mich oft unter Druck. Ich werde dabei sehr viel kritischer mit mir selbst und die Sorge begleitet mich, ob das Werk am Ende wirklich den Erwartungen entspricht und dem Menschen gefällt, für den es entsteht.

Eine prägende Erfahrung war meine erste Auftragsarbeit, die direkt im XXL-Format von 140 × 180 cm entstand. Während des gesamten Prozesses habe ich mir den Kopf zerbrochen und immer wieder gezweifelt, ob das Bild ankommen würde. Umso größer war die Erleichterung, als das Werk fertig war und auf große Begeisterung stieß. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie intensiv Auftragsarbeiten sein können – emotional wie kreativ.

Wo kann man deine Kunst kaufen?

Meine Kunst kann direkt bei mir erworben werden. Interessierte können mich über das Kontaktformular auf meiner Homepage anschreiben oder mich über Instagram und Facebook kontaktieren. Viele Arbeiten finden ihren Weg zu neuen Besitzern über persönliche Empfehlungen.

Welche Pläne hast du für deine kreative Zukunft?

Für meine kreative Zukunft wünsche ich mir, meine Arbeiten verstärkt auszustellen und sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Außerdem möchte ich mein Atelier erweitern und in einen größeren Raum ziehen, der mir mehr Platz zum Arbeiten und Experimentieren bietet – insbesondere auch für großformatige Arbeiten. So kann ich meine Ideen noch freier umsetzen und meine Kunst weiterentwickeln.

Welchen Tipp kannst du Künstler:Innen geben, wenn es darum geht, online sichtbar zu werden?

Ich glaube, online sichtbar zu werden funktioniert am besten, wenn man sich nicht nur als Künstler sondern auch als Teil einer Gemeinschaft versteht.
Für mich bedeutet das: nicht nur Bilder hochladen, sondern auch echte Kontakte pflegen – mit anderen Künstler:innen, Sammler:innen, Galerien oder Kunstinteressierten.

Wenn man im Austausch bleibt, entsteht ein Netzwerk, das einen unterstützt und weiterträgt. Das ist weniger „Reichweite“ als ein kleines, echtes Umfeld, das einen kennt und weiterempfiehlt.

Und natürlich: Gute Fotos sind wichtig, damit die Arbeit überhaupt wahrgenommen werden kann. Aber sichtbar wird man durch Menschen, die einen kennen und die Kunst weitertragen.

“Leuchtende Ferne”
“Leuchtende Ferne”
80x60 cm
© Sevinc Dettmeyer
“Küste”
“Küste"
80x60 cm
© Sevinc Dettmeyer

Herzlichen Dank für dieses Interview, liebe Sevinc, und alles Gute für deine Zukunft! 

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